Der Klang von Eames’ Plastic Side Chair und Thonets Kaffeehausstuhl

Publiziert am 30. Juni 2017 von Alltec Bürokonzept

Die Pianistin Fee Stracke hat Sitzmöbel als Inspirationsquelle für ihre Jazzstücke entdeckt und ihre Musik in Möbeln anhand von Maßen, der Bauweise, der Geschichte oder dem Aussehen der Stühle komponiert. „Am Ende“, sagt sie, „ließen mich diese scheinbaren Einschränkungen viel freier komponieren als bisher“. Bürozeit hat die Komponistin getroffen.

Musik in Möbeln: Die Pianistin Fee Stracke hat sich von Sitzmöbeln inspirieren lassen

Musik in Möbeln heißt dein neues Musikprojekt. Wie bist Du auf die Idee gekommen, den Klang von Möbeln zu erforschen?
Einen Moment der Inspiration hatte ich an einem kanadischen Flughafen. In Banff hatte ich einen Workshop besucht und einer der Dozenten, der US-amerikanische Trompeter Dave Douglas, hatte mich ermutigt, aus alltäglichen Dingen Inspirationen zum Komponieren zu ziehen. Vollgepumpt mit Eindrücken und positiv erschöpft saß ich da und schaute mich in der Wartehalle um. Plötzlich passierte es: Die Stuhlreihen, die aufgereihten und ab und zu von Ablagen unterbrochenen Sitze, ergaben einen Rhythmus und eine Melodie.
Zurück in Berlin arbeitete ich das Konzept aus und verband die Idee mit meinem Interesse an Klassikern des modernen Stuhldesigns. Mit Hilfe eines Stipendiums des Berliner Senats konnte ich dann auch in die Tiefe gehen, Archive und Bibliotheken durchforsten und die ersten Stücke auf Grundlage der Möbel entwickeln.

Welche Möbel hast Du bereits vertont? Und wie bist du beim Komponieren vorgegangen?
Ich fasse die Musik nicht wie Eric Satie in den 1920ern oder Brian Eno in den 1970ern als Raumelement auf, sondern horche in Möbel hinein, um aus ihnen selbst Musik zu ziehen. Dabei arbeite ich aus den Objekten Vorgaben für die Kompositionen heraus. Das geht manchmal bildhaft und assoziativ, manchmal etwas strenger auf festen Strukturen basierend.
Beim Ulmer Hocker von Max Bill habe ich schematisch gearbeitet und mit den Maßen und der Bauweise experimentiert. Die Seitenlängen gaben zum Beispiel die Anzahl der Beats, die Tonfrequenzen und Grundharmonien vor. Die Fingerzinkenbauweise hat mich insofern inspiriert, dass ich Melodiestimmen komponierte, die ähnlich dem Holz ineinandergreifen und sich gegenseitig stabilisieren. Für ein weiteres Stück habe ich den Plastic Side Chair auf Traverse von Charles und Ray Eames ausgewählt und mithilfe von Planzeichnungen gearbeitet. Das Stück funktioniert so: Die Melodie ist immer da, wie das Möbel, während die Menschen kommen, sitzen und wieder gehen, mal viele mal wenige, mal eilig mal langsam. Das wird von der Begleitung, dem Rhythmus, der Dynamik und nicht zuletzt der Improvisation dargestellt.

Der Sound des Freischwingers

In einem deiner Stücke hat man den Eindruck, akustisch einen Kaffeehausstuhl auf seiner Reise von der Fertigung über die Verschiffung auf einem Frachter bis ins Wiener Kaffeehaus zu begleiten, das Stück vom Freischwinger klingt tatsächlich nach freiem Schwingen und scheint vom Namen inspiriert. Woher weißt du, wie welches Möbel klingen muss?
Da freue ich mich, dass Du das so gehört hast. Ich versuche, dass jeweils Spezifische, Besondere an jedem Sitzmöbel zu finden und dies als Ausgangpunkt für die Komposition zu nehmen.
Bei dem klassischen Kaffeehausstuhl bot sich an, die Produktionsgeschichte des berühmten Thonet Nr. 14 eher bildhaft zu verarbeiten. Das Bugholzverfahren war damals sehr innovativ, Wasserdampf macht das Holz gefügig. Trotzdem sträubt sich der Naturstoff gegen diese technische Manipulation, und das kann man in dem Stück hören. Den Sound des Freischwingers habe ich mit einer Melodie aus Flageoletttönen entwickelt, bei der die Stahlsaiten der Gitarre nicht aufs Griffbrett sondern nur kurz berührt werden, und so frei schwingen können.

Die Möbelstücke live

Wer steht mit dir auf der Bühne, wenn die Möbelstücke live erklingen?
Ich bin sehr froh, dass ich Daniel Meyer an der Gitarre, Berit Jung am Kontrabass und Hampus Melin am Schlagzeug für dieses Projekt begeistern konnte. Sie stehen für verschiedene Abschnitte meiner Biographie. Hampus habe ich bei meinem Studienjahr in Kopenhagen kennengelernt, mit Berit spiele ich schon lange in Berliner Jazzensembles, und Daniel kenne ich aus der Improvisationstheaterszene. Ich liebe einfach das Zusammenspiel, die Energie, und die Interaktion mit ihnen. Die drei prägen die Komposition immer wieder auf’s Neue mit ihrem Spielstil und ihren Improvisationen. Meine Stücke sollen wie Stühle und Möbel sein, die wir ja auch individuell nutzen und bespielen.

Und wo kann man euch demnächst spielen hören?
Im September spielen wir in der Kunstfabrik Schlot in Berlin. Als nächstes geht es aber ins Studio zur CD-Aufnahme. Dank der Förderung des Berliner Senats können wir die Produktion dieses Jahr realisieren und im nächsten Frühjahr veröffentlichen.

Fee Strecke und ihrer Musik in Möbeln können Sie hier folgen: moebel.feestracke.de

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